Das Künstlerplakat

Ein Sammelgebiet in der Bildenden Kunst

 

Künstlerplakate werden von bildenden Künstlern zu einem bestimmten Anlass entworfen: einer Ausstellung eines Museums oder einer Galerie, zu einem Kulturereignis, für eine Region oder Stadt. Bedeutende Künstler der Kunstgeschichte wie Henri Toulouse-Lautrec, die Brücke-Künstler, Pablo Picasso, Roy Lichtenstein, Andy Warhol, Joan Miró, Georges Braque, Victor Vasarely, Max Bill, Friedensreich Hundertwasser oder Horst Janssen sahen in der Plakatgestaltung eine künstlerische Herausforderung. 

Ein Plakat ist für die Betrachtung aus der Entfernung konzipiert. Der Künstler stellt das Bildsujet plakativ und  so dar, dass sein Stil erkennbar ist. Der Anlass des Plakats wird in die Bildkomposition entweder integriert, typografisch gestaltet oder zum Bild getrennt platziert.

Das künstlerische Medium kann variieren und wird vom Künstler passend zu dessen Stil und zur jeweiligen Aufgabenstellung gewählt. Die Technik des Holzschnitts mit seinen kontrastreichen Ausdrucksmöglichkeiten wurde insbesondere von den Expressionisten eingesetzt. Der Siebdruck ist für schablonenhafte, voneinander abgegrenzte Farbflächen geeignet wie bei Werken der Op-Art und Pop-Art. Die Lithographie und in neuerer Zeit der Offsetdruck, häufig bezeichnet als Offsetlithographie, bedienen sich des Flachdruckverfahrens, das feine Übergänge und Detailreichtum ermöglicht. 

Bei der Auflagenhöhe gibt es keine Norm. Entweder es wird anlassbezogen in benötigter Anzahl gedruckt oder vorab eine Auflagenhöhe mit dem Künstler vereinbart. Plakate sind nicht nummeriert, mitunter im Druck signiert, gelegentlich auch vom Künstler mit einer Gefälligkeitssignatur von Hand versehen.

Als Sammlergebiet wir das Künstlerplakat in verschiedenen Buchpublikationen gewürdigt, entweder als Werkverzeichnis dieses speziellen Mediums und nur zu einem Künstler oder aber als Übersichtswerk, das verschiedene Künstler, ihre Techniken und Ausdrucksweisen dokumentiert.

Das Plakat als eigene Ausdrucksform entstand mit der Erfindung der Lithographie als potenziell auflagenstarkes Vervielfältigungsmedium mit entsprechend großer Verbreitung. Für Künstler ist es wünschenswert, von einem breiten Publikum wahrgenommen und geschätzt zu werden. Kleine Auflagen sind für einen elitären Sammlerkreis gedacht und dienen weniger der Erhöhung des Bekanntheitsgrads seines Urhebers.

Die Pariser Moulin-Rouge und Montmatre-Motive des Henri Toulouse-Lautrec Ende des 19. Jahrhunderts gelten als Inbegriff des frühen Künstlerplakats. Sie sind bedeutende und hoch gehandelte Werke, sei es aufgrund ihrer Seltenheit nach so langer Zeit, sei es als Kulturdokumente und Kunstwerke.

Seit den 1950er Jahren gelangte das Künstlerplakat zu großer Popularität, nicht zuletzt um Kunst zu „demokratisieren“ und um möglichst vielen Kunstinteressierten zugänglich zu machen. Die Großen der Klassischen Moderne – Miró, Picasso, Braque, Léger, Chagall – nutzten den Steindruck als ideale Technik für ein Plakat. Gerade Picasso experimentierte mit neuen Möglichkeiten und Weiterentwicklungen dieser originalgrafischen Technik. Die Pariser Druckerei der Gebrüder Mourlot produzierte auf ihren Steindruckpressen für das Who-is-Who der Klassischen Moderne. Die Pariser Galerie Maeght begann, vermutlich als erste, orignal entworfene Ausstellungsplakate zu ihren Veranstaltungen in Auftrag zu geben. Maeght Jr. gründete später eine eigene Steindruckerei, gefolgt von weiteren Galerien in Paris wie Berggruen. 

Das Künstlerplakat wurde in den 1960er Jahren außerordentlich populär, als das  Bekenntnis zu einer „Demokratisierung der Kunst“ aufkam. Seit den 1970er Jahren werden Künstlerplakate, meist als Originalentwurf, nicht nur zu Ausstellungen der geschaffen, sondern auch zu anderen kulturellen Veranstaltungen, Musikfestivals oder Sportereignissen wie die Olympischen Spiele in München 1972, die Donaueschinger Musiktage oder das Salzburger Musikfestival. Auch agitierten Künstler mit Plakaten für politische Überzeugungen oder soziale Zwecke („Paix désarmement“ Friedenskonferenz 1960, „gegen den Krieg“, „Fifty-fifty“, eine Initiative zur Unterstützung Obdachloser, u.v.a.). Andy Warhol und Friedensreich Hundertwasser haben, jeder auf seine eigene Weise, mit Plakaten die Grenze zwischen Original und Reproduktion unscharf werden lassen. (Der Begriff Original ist nicht mit Unikat zu verwechseln. Ein Original ist ein eigenes, zu einem bestimmten Zweck und in nur einem bestimmten Medium vorhandenes künstlerisches Werk.) Warhol postulierte die angebliche Abschaffung des Originals. Hundertwasser ließ hohe Auflagen drucken, sogar bis zu 10.000 Exemplaren, und machte alle Drucke einer Auflage durch Signaturstempel zum autorisierten „Original“. In Frankreich entstand eine Reihe an viel beachteten Plakatserien für die Air France, gestaltet von Georges Mathieu, einem französischen Maler und Hauptvertreter des Tachismus. Die Tourismusverwaltung der Côte d’Azur beauftragte Matisse, Picasso und weitere Künstler für ausdrucksstarke Plakateditionen zur Tourismusförderung.

Eine grundsätzliche Anforderung an das Künstlerplakat ist sowohl die künstlerische Gestaltung des Bilds als auch des Textes. Henri Matisse hat bei manchen Plakaten auf die Technik der Papiers découpés (Papierausschnitte) zurückgegriffen. In Deutschland sorgten ab den 1950er Jahren HAP Grieshaber und Horst Jansen für die Entstehung zahlreicher Künstlerplakate, wobei Grieshaber als gelernter Schriftsetzer bevorzugt Buchdrucklettern einsetzte, Janssen integrierte seine charakteristischen Handschriftzüge bildhaft in die Komposition und Roy Lichtenstein hat in manchen Plakaten einen Text das Bild umlaufen lassen oder anderweitig die Textgestaltung bei der Entstehung des Plakats mitbestimmt.

(Text: Dr. Dagmar Gold)